Blick in das Unternehmensarchiv der Freudenberg Gruppe

Internationaler Tag der Archive

Das Klischee des etwas schrulligen Archivars mit Nickelbrille und Ärmelschonern, der sich in dunklen Kellern durch muffige Aktenberge arbeitet, geistert bis heute durch manche Köpfe. Die Realität zeichnet ein gänzlich anderes Bild. „Wir verbringen heutzutage den größten Teil unserer Arbeitszeit am Computer“, verdeutlicht Dr. Michael Horchler. Er leitet das Unternehmensarchiv der Freudenberg Gruppe in Weinheim und trägt darüber hinaus für das Freudenberg-Familienarchiv Verantwortung. Seit 1962 wird bei Freudenberg die Unternehmens- und Familiengeschichte systematisch von Fachkräften dokumentiert. 

Horchler räumt auch gleich mit einem anderen Vorurteil auf. „Wir denken nicht nach hinten. Wir denken nach vorne. Das Unternehmensarchiv reicht mit dem Ansatz, Firmengeschichte zu dokumentieren, in Gegenwart und Zukunft hinein. Die für die Zukunft relevanten Informationen werden heute erschlossen. So lässt sich morgen historisch belegen, was heute geschieht und daraus Wissen schöpfen“, stellt er klar.

Digital Geschichte schreiben

Einmal im Jahr, am 9. Juni, würdigt der Internationale Tag der Archive die Arbeit von Archivaren und weitet den Blick für ihre vielschichtigen Aufgaben. Beim Bewahren historischer Quellen spielen auch bei Freudenberg Sorgfalt und Materialkenntnis eine große Rolle, zum Beispiel wenn es darum geht, alte Dokumente, Fotos oder Filme zu konservieren. Immer bedeutender wird digitales Archivgut; so liegt heutzutage eine aktuelle Fotoaufnahme kaum mehr als Abzug vor. „Die digitale Archivierung ist siebenmal aufwändiger als die analoge“, gibt Horchler eine ungefähre Vorstellung davon, was zunehmend zu leisten sein wird. 

Zusätzlichen Raum in der Archivarbeit im Unternehmen nimmt die Beratung der einzelnen Konzernfunktionen und Geschäftseinheiten in der systematischen und rechtskonformen Schriftgutverwaltung sowie im Dokumentenmanagement im Vorfeld der eigentlichen Archivübernahmen ein. „Letztlich ist nur rund ein Prozent der Daten, die in einem Unternehmen entstehen, archivwürdig, also entweder historisch oder rechtlich relevant.“ Genau diese herauszufiltern, zählt zu den Kernaufgaben der Archivare.

Geschichte(n) erzählen

Auch für Wissenschaftler wie Wirtschaftshistoriker bildet das Freudenberg-Unternehmensarchiv eine Fundgrube voller Schätze. Rund ein Drittel der 250 bis 300 Rechercheanfragen pro Jahr stammt von externen Interessenten. Rund 150.000 Archiveinheiten auf 3.000 Laufmetern Magazinfläche – ob Schrift-, Erinnerungsstücke, Auszeichnungen oder Produktmuster – erzählen unzählige Unternehmensgeschichten. 

Diese belegen immer wieder aufs Neue die besondere Identität Freudenbergs als werteorientiertes Technologieunternehmen, mit vielen Lehrbeispielen für Gegenwart und Zukunft. So finden sich im Archiv Originale der ersten Dichtungen und des ersten Simmerrings, die Freudenberg Ende der 1920er beziehungsweise Anfang der 1930er produziert hat. „Wir haben nicht nur die Objekte, sondern die geschlossene Dokumentation dazu. Wir können zeigen, warum Freudenberg angefangen hat, Dichtungen herzustellen“, erläutert Horchler.

Nicht zu vergessen: Zu den Aufgaben des Konzernarchivs zählt auch die Betreuung der Unternehmensausstellung. Die ist zwar – Achtung, Klischee! – im Keller des Besucherzentrums im Industriepark Weinheim beheimatet. Aber auch sie ist hell, freundlich und modern und in der Darstellung des Vergangenen zukunftsgewandt.