Mit Vliesstoffen werden Geschichten lebendig

Manfred Scholz leitet die Kostümschneiderei des Nationaltheaters in Mannheim

Die Räuber, Maria Stuart oder Wilhelm Tell: Im Juni ist weltweiter Schillergedenktag und die internationale Schillerwoche am Nationaltheater in Mannheim startet und bringt viele dieser Stücke neu interpretiert auf die Bühne. „Theater ist Verzauberung und Kostüme erzählen Geschichten“, sagt Manfred Scholz, Leiter der Kostümschneiderei am Nationaltheater Mannheim. Gekleidet in ein blaues Sakko mit gepunkteter Krawatte und lila Einstecktuch, sitzt er an einem Tisch. „In den 70-er Jahren habe ich in einer Maßschneiderei den Beruf des Herrenschneiders erlernt“, so Scholz. „Doch ich wollte kreativ sein und habe mich schon während der Lehre am Theater beworben.“ Heute macht er zusammen mit seinem Team als Leiter der Kostümschneiderei aus Stoffen Geschichten für Schauspiel und Oper und Tanz. Rund 40 Premieren starten in einer Spielzeit, darunter viele Opern mit aufwendigen Kostümen. Ob ein Waffelmuster im Stufenrock, wehende, zarte Blätter oder statische Biedermeier-Kleider mit Volumenvlies unterlegt: Technische Vliesstoffe der Freudenberg Gruppe sorgen dafür, dass aus künstlerischen Ideen Kostüme werden, die auf der Bühne wirken.

Erste Szene

In der Luft liegt eine Mischung aus Second-Hand-Laden, Turnhalle und Stoffen. Rund 60.000 Kostüme hängen auf Bügeln im Fundus der Kostümschneiderei. Goldene Mieder mit Haken im Stil der Barockzeit, ein Kleid mit Empirekragen aus gelötetem Kupferdraht und Pailletten für Maria Stuart und ein Netztrikot mit handbemalten Tätowierungen. „Die Maskenbildner malen dann am Hals weiter, damit alles echt aussieht“, so Scholz. „Oft werden Kostüme auch alt gemacht, so zum Beispiel für das Stück ‚Odysseus‘. Da werden Kleider gefärbt und künstlich verschmutzt. Das gab schon Tränen bei den Schneiderinnen in der Schneiderei. Aber das ist Theater – wer nur schön nähen will, muss in die Mode gehen.“ Für Kostüme, die filigran und leicht wirken oder in die Bewegung gebracht werden muss, nutzen die Schneider Freudenberg-Einlagestoff von der Rolle, der dann geschnitten und vernäht wird, zum Beispiel zu Wellen oder Fransen.

Ob Domingo oder Denoke – Scholz kennt viele namhafte Künstler und hat Kleider im Fundus, die diese getragen haben. „Das wird alles auf den Leib geschneidert“, sagt er. „Und natürlich kennen wir alle das Seufzen eines Stars, wenn er sagt, also nein, das bin ich nicht. In diesem Kleid finde ich mich nicht wieder.“ Natürlich nennt er keine Namen. Mit einem Augenzwinkern stellt er fest: „Psychologisches Geschick und Überzeugungsarbeit gehören auch dazu.“

Und natürlich kennen wir alle das Seufzen eines Stars, wenn er sagt, also nein, das bin ich nicht. In diesem Kleid finde ich mich nicht wieder.

Manfred Scholz

Zweite Szene

Rund 50 Mitarbeiter, darunter Damen- und Herrenschneider, Hut- und Schuhmacher sowie Gewandmeister und Fundus-Mitarbeiterinnen arbeiten in der Kostümschneiderei. Sie sind auch bei den Vorstellungen am Abend im Einsatz und helfen beim Kostümwechsel. „Da werden unter hohem Zeitdruck Künstler hinter der Bühne blitzschnell in ein anderes Kostüm umgezogen, bei rasendem Puls, das ist Theater“, so Scholz. „In der Oper gab es mal ein Bühnenbild mit einem Häuschen, hinter dem sich der Held umzog. Ungünstig war nur, dass das Häuschen zu früh wegfuhr und der Held noch nicht umgezogen war. Das passiert.“

Generell sei das Mannheimer Publikum sehr streitbar, auch was moderne Inszenierungen betreffen würde. „Da wird laut Unerhört oder Aufhören reingerufen“, so Scholz. „Das ist sehr ehrlich und direkt, wenn auch nicht immer angenehm.“

Mauerschau

Wie entsteht ein Kostüm, das der Zuschauer auf der Bühne sieht? Zuerst setzen sich Regisseur und Kostümbildner zusammen und besprechen das Konzept des Stücks, so werden zum Beispiel viele Klassiker modern inszeniert. Der Kostümbildner fertigt dann erste Zeichnungen, sogenannte Figurinen, an. Entweder gezeichnet, als Collage zusammengeklebt oder mit dem Computer bearbeitet, hängen sie mit Stecknadeln an Kleiderpuppen oder Pinnwänden, die Ränder voller Notizen zu verschiedenen Stoffen und Materialien. Als nächstes setzt sich dann der Kostümbildner mit der Gewandmeisterin, mit dem Gewandmeister zusammen, nach den Zeichnungen werden Schnittmuster erstellt. Die Gewandmeister sind es auch, die mit dem Kostümbildner besprechen, welche seiner Ideen umsetzbar sind und welche vielleicht nicht. „Wenn sich Kostümbildner in ihrer Kunst behaupten, dann entsteht auf der Bühne Großes“, so Scholz. Trotzdem gibt es auch ein festes Budget für jedes Stück und nicht jedes Kostüm wird neu genäht, das wäre zu teuer. Eine Woche vor der Premiere starten die ersten Proben mit Kostümen, Maske und Licht. „Dann lernen Künstlerinnen mit Reifröcken und Korsetten umzugehen. Sie verwandeln sich vor dem Spiegel von der Ente zur Dame, wenn sie Turnschuhe gegen Absatzschuhe tauschen und elegant schreiten“, so Scholz.

 

Dritte Szene

Hier gibt es viel mehr Möglichkeiten als in einer normalen Schneiderei. Vom futuristischen Kleid über gefärbte und bemalte Stoffe bis zum in Streifen geschnittenen und verwebten Vliesstoff habe ich schon vieles ausprobiert. Das macht für mich die Faszination Theater aus.

Heike Just, Schneidermeisterin

Surrende Nähmaschinen, Garnrollen in allen Farben und dampfende Bügeleisen: In der Damenschneiderei wird gearbeitet. „Kein Tag ist wie der andere“, sagt Schneiderin Barbara Käsbauer, die gerade an einem grauen Kleid näht. „Oft tüfteln wir lange an den Details von Kostümen und arbeiten uns in verschiedene Epochen ein. Wir arbeiten mit vielen verschiedenen Materialien wie edle Stoffe, Vlies, Leder oder Plastik. Am Abend von der Hinterbühne aus zu sehen, wie und ob alles auf der Bühne funktioniert, ist toll. Der Kontakt zu den Künstlern ist auch etwas Besonderes.“ Neben ihr steht Schneidermeisterin Heike Just und nickt zustimmend. „Hier gibt es viel mehr Möglichkeiten als in einer normalen Schneiderei. Vom futuristischen Kleid über gefärbte und bemalte Stoffe bis zum in Streifen geschnittenen und verwebten Vliesstoff habe ich schon vieles ausprobiert. Das macht für mich die Faszination Theater aus.“

Einlagestoffe von Freudenberg sorgen in der Kostümschneiderei für die optimale Passform des Stoffes von Blazern, Hosen und anderen Kleidungsstücken. Für eine hohe Elastizität in alle Richtungen hat das Technologieunternehmen spezielle elastische Vliesstoffe entwickelt. Gerade im Theater durchlaufen viele Kleidungsstücke verschiedene Prozesse wie Bedrucken, Färben oder Bleichen. Auch die Einlage muss diese Prozesse unbeschadet überstehen. Sie soll für viele Oberstoffe einsetzbar sein, gut haften und Hitze sowie Kälte aushalten, ohne sich zu verformen.

Vierte Szene

In einem Nebenraum steht Andrea Scholz und vergoldet Uniformstiefel mit Schlagmetall. Es riecht nach Klebstoff. „Theater ist ein spannender Ort“, sagt sie. „Auch, wenn viele handwerkliche Arbeiten anstrengend sind, wenn ich auf der Probe bin und sehe, dass meine Arbeit auf der Bühne wirkt, macht mich das glücklich. Meine Arbeit ist wichtig für die Produktion.“ Hinter ihr hängt ein Fettanzug, der einen Schauspieler viel voluminöser aussehen lässt, bemalt mit Hautfarbe und Essensflecken. Daneben liegen ein Paar Flügel, aufwendig bemalt.

Vorhang zu

Wenn abends auf der Bühne die Scheinwerfer angehen, ist für Scholz der schönste Moment gekommen. Nun ist erlebbar, wie Stoffe und Kostüme auf der Bühne wirken und wie das Publikum darauf reagiert. „Bei jedem Stück sehe ich unmittelbar das Ergebnis unserer Arbeit. Das ist toll“, sagt er. „Jedes Stück ist eine neue Herausforderung, Ideen umzusetzen und die Zuschauer mit den Geschichten zu verzaubern. Das gelingt nicht immer. Aber wenn es gelingt, ist das Magie.“ Bei jedem Satz ist zu spüren: Manfred Scholz lebt seinen Traum. Er ist Geschichtenerzähler aus Leidenschaft.

 

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