Vielfalt konstruktiv nutzen

Esther Loidl gehört seit 1. Juli als Chief Human Resources Officer (CHRO) dem Freudenberg-Vorstand an – als erste Frau in der Unternehmensgeschichte. Die Freudenberg-Redaktion hat nachgefragt: Wie steht es im Unternehmen um „Diversity & Inclusion“?

Interview mit Esther Loidl

Frau Loidl, zu den Unternehmenswerten von Freudenberg gehört es, jede Form von Diskriminierung abzulehnen, Respekt im Umgang miteinander einzufordern und für eine kulturell vielfältige Arbeitswelt zu sorgen. Vor diesem Hintergrund: Was genau verstehen Sie unter „Diversity & Inclusion“?

Jeder spricht von Vielfalt, aber worum geht es dabei: die Unterschiedlichkeiten von persönlichen Hintergründen und Lebensläufen anzuerkennen und zu respektieren und aktiv für eine Integration zu sorgen. Diversity beschreibt die Vielfalt, den Mix aus der Verschiedenartigkeit und dem individuellen Anderssein von Menschen. Darauf aufbauend bedeutet Inklusion, diesen Mix im Unternehmen zusammenzuführen und konstruktiv zu nutzen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus dem Alltagsleben: Diversity ist, wenn Sie zu einer Party eingeladen und eingelassen werden. Inklusion ist, wenn andere Gäste Sie aktiv ansprechen, sich mit Ihnen unterhalten, Sie auf ein Getränk einladen oder mit Ihnen tanzen. Aufs Unternehmen übertragen bedeutet Inklusion eine Kultur, die alle Mitarbeitenden einbezieht und es ihnen ermöglicht, ihre Fähigkeiten einzubringen.

Bei Vielfalt geht es darum, die Unterschiedlichkeiten von persönlichen Hintergründen und Lebensläufen anzuerkennen und zu respektieren.

Welche Aspekte von „Diversity & Inclusion“ betrachtet Freudenberg?

Für uns sind alle Dimensionen von Diversität wichtig. Dazu zählen das Alter und Geschlecht von Personen, ihre nationale, ethnisch-gesellschaftliche Herkunft, ihre Religion, ihre spezifischen physischen oder mentalen Fähigkeiten aber auch ihre sexuelle Orientierung und Identität. Kurz: Wir betrachten jegliche Form, in der wir Menschen in unserem Sein vielfältig sind.

Warum ist Vielfalt für ein Unternehmen wichtig?

Auch unsere Kunden sind vielfältig. In unserer internationalen Geschäftswelt ist es wichtig, dass unsere Mitarbeitenden die Diversität unserer Geschäfte und globalen Aktivitäten widerspiegeln und repräsentieren. Außerdem: Die besten Mitarbeitenden handeln oft nicht stromlinienförmig, sondern verfügen über ausgeprägte individuelle Facetten, haben Ecken und Kanten. Auf Konzernebene achten wir gezielt darauf, Projektteams divers zu besetzen mit Vertretern unterschiedlicher Geschlechter aus verschiedenen Teilkonzernen, Kulturkreisen, Altersgruppen und mit verschiedenen Erfahrungen. Auch die Sichtweise eines jungen Mitarbeitenden kann ein Projektteam voranbringen. Diese Diversität, der unterschiedliche Blick auf Themen, ist bereichernd.

Diversity ist, wenn Sie zu einer Party eingeladen und eingelassen werden. Inklusion ist, wenn andere Gäste Sie aktiv ansprechen, sich mit Ihnen unterhalten.

Einen Schwerpunkt legt Freudenberg bisher auf die Gleichberechtigung von Frauen.

Das stimmt. Veränderungen lassen sich am besten einleiten, wenn wir Zustände klar messen, wenn wir Fakten mit Zahlen belegen können. Wir haben festgestellt: Je weiter man sich in der Hierarchie nach oben bewegt, desto geringer ist der Anteil von Frauen, vor allem in Führungspositionen. Daher war, ist und bleibt Frauenförderung eines unserer Fokusthemen.

Sie persönlich sind die erste Frau im Freudenberg-Vorstand. Was raten Sie anderen Frauen, die es ebenfalls ganz nach oben schaffen wollen? 

Bis heute besteht leider oft der Eindruck, dass sich Frauen im Berufsleben doppelt beweisen und ihren Aufstieg doppelt verdienen müssen, um dem Vorwurf vorzubeugen, sie seien „Quotenfrauen“, die ihre Aufgabe nur ihrem Geschlecht zu verdanken haben. Das stellt die Leistung all jener Frauen, die sich ihren Erfolg hart erarbeiten, gewaltig unter den Scheffel. Erfreulicherweise nehme ich dies in meinem Umfeld bei Freudenberg nicht so wahr. Anderen Frauen rate ich, sie selbst zu sein, authentisch zu bleiben und unbeirrt ihren Weg zu gehen. Unabhängig vom Geschlecht erweisen sich vielfältige Erfahrungen, beispielsweise ein Auslandsaufenthalt, in der weiteren Karriere als hilfreich. In seinem Berufsleben auch mal etwas anderes kennenzulernen, andere Kulturen zu erleben und sich darauf einzustellen – das halte ich für sehr wertvoll und wichtig, um keinen Tunnelblick zu entwickeln.

Wo setzt Freudenberg weitere Schwerpunkte im Themenfeld „Diversity & Inclusion“?

Wie gesagt, fällt es leichter, Bereiche zu fördern, in denen wir Fortschritte konkret messen können. Aktuell liegt ein Schwerpunkt auf „Racial Diversity“, insbesondere in den USA, weil wir dort über eine Datenbasis verfügen. Sehr viele gute Projekte gibt es in den Teilkonzernen bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung, zum Beispiel engagiert sich die Geschäftsgruppe Freudenberg Chemical Specialities vorbildlich. Andere Dimensionen der Diversität wie die sexuelle Orientierung sind nicht messbar, weil wir unsere Mitarbeitenden selbstverständlich nicht danach fragen. Hier ist es uns wichtig, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich Mitarbeitende jeglicher sexuellen Orientierung wohlfühlen. 

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