Schlau durch die Stadt

In China hat das Thema Smart Mobility Priorität. Digitale Systeme sollen den Verkehr in Megacitys vor dem Kollaps und seine Einwohner vor Smog bewahren. Sensoren und Daten sorgen dafür, dass sich die Mobilität weiter ausdifferenziert und die Einwohner verschiedene Verkehrsmittel klug kombinieren – zum Beispiel in Nanjing.

Die digitale Stadtkarte von Zheng Lin sieht aus wie ein lebender Organismus: Straßen blinken, färben sich mal rot, mal gelb. Wie durch Zauberhand erscheinen grüne Wolken auf dem Monitor, dann verschwinden sie wieder. Einige rote Punkte glühen bedrohlich. Es ist ein typischer Morgen in Nanjing. Die Bewohner der chinesischen Millionenmetropole machen sich auf den Weg zur Arbeit, pendeln von einer der Vorstädte ins Zentrum. „Staus und Störungen lassen sich nie ganz vermeiden“, sagt Herr Lin, stellvertretender Direktor der Entwicklungs- und Reformkommission von Nanjing. „Aber dank unserer Arbeit werden es immer weniger.“

8,23 Millionen Menschen leben in dem Ballungsraum im Osten der Volksrepublik. Nanjing begreift sich als eine Megacity, die zwei Dinge zusammenbringen will: Wachstum und Lebensqualität. Aber geht das überhaupt? Mehr als eine Million private Autos sind hier zugelassen, Tendenz steigend. Hinzu kommen 10.000 Taxis und 7.000 Busse. Das Netz der Stadtautobahnen misst eine Gesamtlänge von 230 Kilometern. Wie hält man einen solchen Riesen beweglich?

Kontrollraum des Verkehrsleitsystems in Peking.

Seit 2009 hat sich Nanjing dem Konzept der „Smart Mobility“ verschrieben: Alle Taxis und Busse haben Sensoren an Bord, die Daten über den Verkehr an die Zentrale senden. Und auch die privaten Pkw kommunizieren mit der Infrastruktur: Beinahe jeder Bewohner von Nanjing trägt eine „Travel Card“ bei sich, die per RFID-Technik Informationen über Standort und Verkehrsfluss weitergibt. Rund 100 Millionen Datensätze gewinnt die Verkehrsleitzentrale täglich, mit Hilfe von Big Data-Lösungen werden daraus Roadmaps erstellt: blinkende digitale Stadtpläne wie derjenige auf dem Monitor von Zheng Lin, der in seiner Funktion ein wachsames Auge auf die neue Technologie und ihre Effekte hat.

Effektiv und elegant

Das Ziel von „Smart Mobility“ liegt auf der Hand: Die Einwohner sollen nicht einseitig auf ihr Auto setzen, sondern auch den Bus benutzen, Fahrgemeinschaften bilden, Fahrrad fahren. Und vor allem: alle Verkehrsmittel klug kombinieren. „Wir haben uns gefragt, wie wir die Leute dazu motivieren können, das eigene Auto nur dann zu nutzen, wenn es wirklich nicht anders geht“, sagt Zheng Lin. Ans Gewissen appellieren? Fahrverbote anordnen? „Wir denken, es ist intelligenter, wenn sich die Leute deshalb für eine Alternative entscheiden, weil sie selbst die Vorteile erkennen.“

Positive Pädagogik. Das funktioniert in Nanjing mit einer eigenen Stadt-App, die bereits von mehr als zwei Millionen Einwohnern genutzt wird: „MyNanjing“ lotst die Bewohner durch das turbulente und komplexe Verkehrssystem, mit Hilfe von Echtzeitdaten und detailgenauen Vorschlägen für alternative Verkehrsmittel. Erst ein Stück zu Fuß, dann weiter mit dem Bus, eine kurze Strecke mit dem Rad – und an der Ecke wartet schon der Hybrid-Pkw der Mitfahrgelegenheit ins Büro. Das klingt kompliziert, aber wenn der Bus pünktlich ist, das Share-Bike dort steht, wo es stehen soll, und es auf der Car-Pool-Spur flott vorangeht, ist dieser Mobilitätsmix nicht nur machbar, sondern auch effektiv und elegant.

In China nimmt Nanjing eine Pionierstellung ein, viele andere Städte sind den Ansätzen gefolgt. Aktuell gibt es rund 200 Pilotstädte, die auf Smart Mobility setzen. Grund für die große Dynamik ist der Leidensdruck: Aktuell leben sechs von zehn Chinesen in einem urbanen Ballungsraum; das sind doppelt so viele wie noch im Jahr 1995. Und der Trend setzt sich fort: 2018 werden weitere rund 20 Millionen Menschen vom Land in eine Stadt ziehen. Daraus resultieren fast zwangsläufig Staus und Smog, und dagegen will die Regierung nun etwas unternehmen. Zur smarten Mobilität gibt es in China keine Alternative mehr.

Viel Geld für ehrgeizige Ziele

Der Staat investiert viel Geld: Die Regierung fördert Zukunftstechnologien wie autonom fahrende Autos oder das 5G-Kommunikationsnetz – eine Mobilfunklösung, die genug Kapazität für die unzähligen Netze bietet, die sich bilden, wenn Fahrzeuge, Travel-Cards und die Infrastruktur miteinander kommunizieren. „Auch die verpflichtende Verkaufsquote für Elektroautos zeugt vom Willen der chinesischen Regierung, den Verkehr in Zukunft effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten“, sagt Andreas Goller von der Delegation der deutschen Wirtschaft in China – und verweist auf einen für das Land attraktiven Zusatzeffekt: Während die Europäer und Amerikaner in diesen Zukunftsfeldern eher langsam vorankommen, ermöglichen die staatlichen Subventionen, dass bestimmte Entwicklungsstufen einfach übersprungen werden. Zum Beispiel die Marktreife mit Blick auf Preis und Nachfrage. „Leapfrogging“ nennen das die Ökonomen: China lässt einfach ein paar Schritte weg – und verbessert damit seine strategische Position in diesen Schlüsselindustrien.

Beladung eines Elektro-Zustellungsfahrzeugs an einer örtlichen Paketsammelstation.

Doch der Weg birgt auch Nebenwirkungen, Stichwort Datenschutz: „Für viele chinesische Verbraucher besitzt dieses Thema derzeit keine hohe Priorität“, sagt Andreas Goller. Intensiv nutzen sie Apps, um alle Bereiche ihres Lebens zu organisieren. Damit produzieren sie genau die Daten, die smarte Konzepte ermöglichen – aber eben auch Überwachung. Zwar gibt es seit Sommer 2017 ein neues Cyber-Security Gesetz, das private Unternehmen beim Datenschutz stärker in die Verantwortung nimmt. Jedoch ist der Staat selbst ein riesiger Datenstaubsauger: Bis 2020 wird ein „Social Credit System“ eingeführt, das die Chinesen bewertet: AAA ist die bürgerliche Königsklasse, wer sie lange hält, wird belohnt. Das unterste Rating lautet D, hier drohen Sanktionen. Grundlage für die Bewertungen sind die digitalen Datenspuren, die jeder Chinese hinterlässt – ob als Konsument, User oder Verkehrsteilnehmer.
Doch es wäre falsch, die chinesische Agenda vorzuverurteilen. Die Vielfalt der Ansätze ist enorm, und einige sind zukunftsweisend – zum Beispiel die Idee von „Great City“, einer geplanten Vorstadt der 14-Millionen-Metropole Chengdu in Westchina: 80.000 Menschen sollen hier leben, wobei die Planer garantieren, dass jeder Platz der „Great City“ zu Fuß innerhalb von 15 Minuten erreichbar sei. Für Logistik und Mobilität werden dort ganz neue Typen von Fahrzeugen gefragt sein, von elektrischen Transportmobilen über Liefer-Drohnen bis hin zu autonomen fahrenden Shopping-Carts. Wer weiterdenkt, stellt schnell fest: Der Fuhrpark in den großen Städten der Zukunft wird vielfältiger denn je sein und datengestützte Mobilitätslösungen sind ein Muss. Das zunehmend elektrisch angetriebene Auto wird bedeutsam bleiben, zugleich nehmen die Alternativen zu. In China hat ein Teil dieser Zukunft bereits begonnen.

Bilder: „Smart and Connected Mobility im Sichuan-Becken“, AHK Greater China, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB)