Automobilzulieferindustrie

Zuliefer-Zukunft

Vier Fünftel eines modernen Autos stammen nicht vom Hersteller, sondern von spezialisierten Zulieferern. Der Wandel zu emissionsfreiem Fahren und neuen Mobilitätsdienstleistungen betrifft sie daher direkt. Die Freudenberg Gruppe bereitet sich heute schon auf die Mobilität im Jahr 2050 vor. Auf der ganzen Welt arbeiten Experten an innovativen Technologien, um neue Konzepte massenkompatibel zu machen. Im engen Dialog mit Kunden ist Freudenberg nah dran an den aktuellen und zukünftigen Entwicklungen im Markt.

Eine Ringdichtung sorgt dafür, dass kein Tropfen Motoröl verloren geht. Ein Innenraumfilter schützt die Gesundheit der Insassen. Doch was haben diese beiden Bauteile gemeinsam, außer dass sie von Gesellschaften der Freudenberg Gruppe gefertigt werden? Für den Laien bestenfalls auf den zweiten Blick zu erkennen: Sowohl bei der Herstellung von Dichtungs- als auch von Filtersystemen kommen ähnliche Technologien zum Einsatz.

„Der Wandel vom Autoverkauf zu Mobilitätsdienstleistungen wird die ganze Industrie verändern“

Zum Beispiel das Spritzgießen, ein Verfahren, bei dem ein metallisches Werkzeug sekundenschnell mit aufgeschmolzenem Kunststoffgranulat gefüllt wird, das dann in der Form aushärtet. „Mehr als die Hälfte unserer Gesellschaften nutzt Spritzguss in der einen oder anderen Form“, erläutert Dr. Matthias Messer, der für Freudenberg übergreifend die Technologiebewertung verantwortet. Dazu gehört auch, disruptive Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen. So bekommt der Spritzguss in den vergangenen Jahren neue Konkurrenz durch immer leistungsfähigere 3D-Drucker. Bei Kleinserien oder selten gefertigten Ersatzteilen sind industrielle Laserdrucker heute schon wettbewerbsfähig – sogar Metallteile können in Serienqualität hergestellt werden. „Unsere Aufgabe ist es, den Wissenstransfer zwischen den einzelnen Gesellschaften zu organisieren – bezogen auf die Märkte, in denen Freudenberg tätig ist“, sagt Messer. Dafür hat Freudenberg neun Technologie-Plattformen gegründet, in denen sich Experten des Konzerns austauschen. Gemeinsam definieren sie langfristige Projekte, in denen beispielsweise neue Werkstoffe oder Fertigungsverfahren untersucht und entwickelt werden.

Und doch: Nur von den technischen Möglichkeiten her zu denken, greift für Messer zu kurz. Denn die Autobranche befindet sich in einem raschen Wandel, der nicht nur Technologien, sondern auch Geschäftsmodelle umfasst. „Der Wandel vom Autoverkauf zu Mobilitätsdienstleistungen wird die ganze Industrie verändern“, zeigt sich Messer überzeugt. Die Zulieferer sind davon sogar stärker betroffen als die Fahrzeughersteller. Denn laut Branchenverband CLEPA haben die Zulieferer an jedem neuen Auto einen Wertschöpfungsanteil von rund 80 Prozent. Insgesamt fertigen die europäischen Zulieferer jedes Jahr Komponenten im Wert von 600 Millionen Euro allein im Heimatmarkt. Zudem verfügen nahezu alle Mitgliedsunternehmen Produktionswerke in den großen Automärkten in Nordamerika und in China. Dementsprechend selbstbewusst gibt sich CLEPA-Präsident Roberto Varassori: „Jährlich investieren wir mehr als 20 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Für den technischen Fortschritt sind wir mindestens so wichtig wie die Fahrzeughersteller.“ Ein wesentlicher Teil dieses Budgets fließt aktuell in neue Antriebstechnologien, die den CO2-Ausstoß von Neufahrzeugen reduzieren sollen. Denn die europäische Union plant, den ab 2021 geltenden Flottengrenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer in den Folgejahren weiter zu verschärfen.

Unsere Welt im Jahr 2050

Um begrenzte Ressourcen an Geld und Zeit in die richtigen Entwicklungen zu stecken, hat Freudenberg im Jahr 2015 ein Projekt gestartet, das weit in die Zukunft reicht. In einem mehrstufigen Prozess ist ein Bild der Welt im Jahr 2050 entstanden. Eine wichtige Grundannahme bestand darin, dass in der Mitte des Jahrhunderts 80 Prozent weniger fossile Brennstoffe zur Verfügung stehen. Andere Randbedingungen waren eine weltweit wachsende Mittelschicht oder die Rolle großer Metropolen als Machtzentren. Für sechs Sektoren spielten Expertenteams, die aus unterschiedlichen Konzernbereichen zusammengestellt wurden, anschließend verschiedene Szenarien durch. Sie recherchierten Studien, sprachen mit externen Fachleuten und brachten eigene Ideen und Erfahrungen ein. Für den Sektor Mobilität ergibt das Referenzszenario „Multipolare Welt“ ein optimistisches Bild: Die Metropolen ersticken nicht mehr im Verkehr. Smarte und multimodale Mobilität sind selbstverständlich. Neben öffentlichen Verkehrsmitteln stehen autonome Taxis zur Verfügung, um jeden Ort der Stadt auch ohne eigenes Auto zu erreichen. Doch kleine elektrifizierte Fahrzeuge, darunter auch solche mit zwei und drei Rädern, ermöglichen auch im Jahr 2050 individuelle Mobilität.

Das Auto, wie wir es kennen, wird es weiterhin geben, aber es bleibt wesentlich außerhalb der Städte. „In den Städten entsteht ein ganz neues Lebensgefühl“, berichtet Messer aus der Zukunft. Er weist darauf hin, dass man urbane Mobilität nicht isoliert von der Infrastruktur betrachten kann: „So wird sich auch das städtische Energiesystem durch die starke Verbreitung elektrischer Fahrzeuge verändern.“

Doch wie überführt man ein solches Zukunftsbild in die Gegenwart von Dichtungen, Filtern, Schwingungsdämpfern und den vielen anderen Bauteilen, die der Freudenberg-Konzern für heutige Autos produziert? Ein Vorteil: Freudenberg Sealing Technologies, Freudenberg Performance Materials, Freudenberg Filtration Technologies, Freudenberg Chemical Specialities, Vibracoustic – alle diese Geschäftsgruppen sind schon heute Lösungsanbieter, wenn es um die Automobilfragen von morgen geht. „Das Zukunftsbild bestimmt unsere langfristige Strategie, in der Forschung genauso wie bei Investitionen“, erläutert Messer. So ist es bei der Bewertung möglicher Übernahmekandidaten durchaus ein Kriterium, ob diese die Technologien einbringen, die aller Voraussicht nach in der Zukunft gebraucht werden. „Wir überprüfen unsere Szenarien und Strategie regelmäßig“, verspricht Messer. „Denn Zukunft ist nicht statisch, sondern höchst dynamisch.“ Das gilt auch für Zulieferer, die im Wandel hin zu neuen Antriebskonzepten und Mobilitätsformen bestehen wollen.