Mikro macht mobil

Viele Städte ächzen unter der Verkehrsbelastung. Experten schwören auf eine Vielfalt kleiner Lösungen: Ein neues Angebot kleiner elektrischer Fahrzeuge soll dabei helfen, Staus und Emissionen zu mindern und die Lebensqualität zu steigern. An Ideen mangelt es nicht.

Die Autokolonnen in den Städten zur Rush-Hour sind eine große Herausforderung für alle jene, die das urbane Leben gestalten. Doch die meisten Experten sind sich einig: Eine einfache Lösung gibt es nicht. Ob City-Maut, hektische Investitionen in Busse und Bahnen oder Flotten von Leihfahrrädern – alle diese Maßnahmen sind Teile eines komplizierten Puzzles. Klug zusammensetzen heißt in diesem Falle: Das Makro-Problem der urbanen Mobilität mithilfe von vielen dezentralen Mikro-Lösungen angehen.

Fabian Edel

In Garmisch-Partenkirchen sitzt Fabian Edel in seinem Büro im Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und tut genau das, er denkt das Kleine ganz groß. Edel erforscht und analysiert, welche neuen Fahrzeugentwicklungen es gibt, wie es um deren Sicherheit bestellt ist und was die Menschen damit in den Städten anstellen können. „Was wir brauchen, sind Erweiterungen der individuellen Mobilität“, fordert er. Sprich: Noch deutlich mehr Puzzleteile, die dann jeder Bewohner einer Stadt nach seinen eigenen Ideen und Bedürfnissen zusammensetzen kann.

Fahrzeug für die letzte Meile

Am oberen Rand beginnt die Mikromobilität für Fabian Edel mit einem Fahrzeug wie zum Beispiel dem Renault Twizy: vollelektrisch, digital ausgerüstet und damit fürs Sharing geeignet, zwei Sitze, gut zwei Meter lang, bestens für die kleinste Parklücke geeignet. Der Twizy ist nicht als Auto klassifiziert, sondern als Quad, was eigentlich Unsinn ist, denn Quads sind Geländefahrzeuge, mit denen man aus Spaß über Felder brettern kann. Der kleine Twizy ist dafür nicht geeignet. Dass er dennoch in diese Kategorie fällt, zeigt ein recht deutsches Problem: Die neuen Fahrzeuge passen nicht in die alten Klassifizierungen. Und auf die Schnelle neue zu bestimmen, damit tut sich der deutsche Gesetzgeber schwer.

Das gilt insbesondere für die vielen kleinen Fahrzeuge, die den unteren Rand der Mikromobilität bestücken. „Noch fassen wir sie als Personal Mobility Devices zusammen“, sagt Fabian Edel. In diesem Sammelbecken tummeln sich Skateboards mit elektrischem Antrieb, E-Roller oder Hoverboards, also zweispurige Rollbretter ohne Lenkstange. Immerhin liegt jetzt ein Gesetzesentwurf vor, der für diese Fahrzeuge eine neue Klasse definiert. PLEV soll diese neue Klasse heißen, das steht für Personal Light Electric Vehicles. In vielen Ländern Europas wird diese Fahrzeugklasse mit dem Fahrrad gleichgesetzt – meistens mit der Auflage einer Geschwindigkeitsbegrenzung. In Norwegen, Dänemark und Finnland, aber auch in Belgien, Österreich und der Schweiz dürfen zum Beispiel E-Roller auf dem Radweg fahren – ist dieser nicht vorhanden, sind die PLEVs dort wie auch Fahrräder auf der Autospur unterwegs. Schon seit Jahren unproblematisch ist der Einsatz in den USA, wo die Behörden sehr viel weniger in den Straßenverkehr eingreifen.

Das elektrische Skateboard von JayKay.

„Konzipiert sind die meisten dieser Fahrzeuge für die letzte Meile“, sagt Edel. Sprich: Der Nutzer fährt mit ihnen zum Auto, das eben nicht mehr im Wohngebiet parkt, sondern etwas weiter außerhalb. Entwickelt werden sie auch von den Autokonzernen selbst, so hat Volkswagen schon 2015 einen klappbaren „Last Mile Surfer“ mit drei Rädern vorgestellt, BMW bietet mit dem X2City einen Elektro-Kick-Roller an, Daimler plant mit dem „Vision Van“ einen elektrischen und digitalisierten Lieferwagen, der die Möglichkeit bietet, eine Ware auf den letzten Metern per Drohne zum Ziel zu schicken.

Fabian Edel

Yorks' E-Scooter soll stabil und leicht sein.

Plakette her - und los geht´s

Aber auch Start-ups versuchen ihr Glück, zum Beispiel Yorks, eine Neugründung der Fele Group, die für OEMs und Zulieferer Bordnetze entwickelt. Die neue Firmentochter arbeitet an einem E-Scooter, der stabil und leicht sein soll. Die Reichweite wird bei etwa 25 Kilometern liegen, die Ladezeit bei zweieinhalb Stunden. Derzeit gibt es einen zweiten Prototyp des Rollers, im Sommer 2019 soll er auf den Markt kommen, Preis: rund 1800 Euro. Problem auch hier: die Zulassung. Ist dieser E-Roller eher ein Mofa oder ein Pedelec, also Elektrofahrrad? Firmensprecher Dominik Neyer hofft auf die Zulassung als PLEV. „Weil es so lange dauert, sind viele Innovationen gebremst worden, einige Entwickler haben sogar ganz aufgegeben.“ Dabei erhält das Unternehmen Fördergelder vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Ein Trumpf der kleinen Elektro-Fahrzeuge soll sein, dass sie sich unkompliziert in den Mobilitätsmix einfügen. Mit ihren GPS-Modulen und digitalen Komponenten integrieren sie sich in Sharing-Plattformen, vorstellbar sind zum Beispiel PLEV-Fuhrparks an Bahnstationen oder Parkplätzen. Stehen könnten dort dann auch die elektrischen Skateboards von Jaykay: Der Antrieb ist in die Achsen eingebaut, weshalb „keinerlei Technik zu sehen ist“, wie Isabell Armbruster sagt, COO des Unternehmens aus Kressbronn am Bodensee. Für den Verkehr sei das von Vorteil: Ein sichtbar aufgerüstetes Board würde Blicke auf sich ziehen und zum Unsicherheitsfaktor werden. „Unser Board fällt kaum auf.“ Aktuell dürfen Nutzer die Boards nur auf Plätzen fahren, auf denen die Straßenverkehrsordnung nicht gilt.

Heterogene Mobilität

Damit sich das ändert, arbeiten die PLEV-Entwickler intensiv mit dem TÜV zusammen, besuchen Kongresse, auf denen die rechtlichen Voraussetzungen der neuen Mikromobilität diskutiert werden. Stand der Diskussion sind laut Isabell Armbruster von Jaykay derzeit folgende Richtwerte für die Zulassung: eine Geschwindigkeit von maximal 20 km/h, dazu zwei unabhängige Bremsen und Licht, für Nutzer könnte die Helmpflicht gelten. Fahren darf, wer eine Fahrerlaubnis der Klasse M besitzt, das Mindestalter ist damit 16. 

Stellt sich nur die Frage: Wo sollen all die Mikro-Gefährte fahren? „Auf den Radwegen“, sagt Mobilitätsexperte Fabian Edel. Wobei: „Die Fahrradwege müssen breiter, die Verkehrsführung muss besser werden. Der Platz würde sich ergeben, wenn das Auto mehr und mehr aus dem urbanen Raum verschwindet.“ Man merkt: Mikromobilität bleibt ein kompliziertes Puzzle. Einig sind sich die Akteure in einem Punkt: Der entscheidende Treiber für die Mobilitätswende wird die dringliche Notwendigkeit sein, die Luft in den Städten zu verbessern. „Denn Fahrverbote“, sagt Fabian Edel, „sind für die Städte und die Bürger ein Schreckensszenario.“ 


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